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Ein paar Gedanken zum Ehepaar/Partnerschafts-Vierer

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Knut-Werner Cherubim 
 
 
Der Ehepaar-Vierer 
– neue Mutmaßungen über ein Wagnis 
 
Es gibt im Ablauf eines Golfjahres dutzendweise Turniere und beim Golf selbst ungefähr einhundertneunundneunzig Spielarten – bei denen man Zerstreuung, Glücksgefühle und Spaß hat. Nur an einem Tag und bei einem Spiel, von dem hier die Rede ist, werden mehr oder weniger lange Partnerschaften einer harten Prüfung unterzogen, ja es wird eine Art russisches Roulette gespielt (bei dem, wie wir wissen, Todesfälle nicht auszuschließen sind) und zumindest der berühmte Haussegen völlig aus dem Lot gerät und so schief ist wie der übelste Slice. Diese Sonderform einer Folter (wieso hat sich Amnesty International noch nicht darum gekümmert?), die sich vermutlich gelangweilte, sadistische Folterknechte eines schottischen Hochland-Lords kurz nach der Erfindung des Golfspiels nahe St. Andrews ausgedacht haben, nennt man heute Ehepaar-Vierer, nach moderner Spielart auch Partnerschafts-Vierer. Neuerdings sind nämlich auch Teilnahmen von Weiblein und Männlein erlaubt, die bestenfalls verlobt sind,  zuweilen aber sogar nur in wilder Gemeinschaft koalieren. Nach unserer Auffassung haben insbesondere nicht vereheringte Paare beim Partnerschafts-Vierer einen interessanten Testlauf zu bestehen: Sie können dabei prüfen, ob ihre individuell unterschiedlich ausgeprägten Anforderungen für eheliches Wohlgefühl – sei es ein Hang zur Streitsucht oder zur Harmonie –  erfüllt werden können. Insofern scheint die Belastung für Unverheiratete sogar noch größer zu sein, weil bei den golferischen Abhängigkeitszwängen wie beim Vierer das gesamte Partnerschaftsgefüge auf dem Spiel steht. Bei Ehepaaren sind alle Spatzen bereits gefangen oder, wie der Engländer sagt: The birdies have been played.  Alternativ: The eagle has landed.
 
Der erotische Aspekt spielt zugegebenermaßen nicht nur bei trauter Zweisamkeit, sondern auch beim Golf eine gewisse Rolle, wenngleich man in die Begriffe Vierer oder gar gemischter Vierer nicht allzu viel hineininterpretieren sollte. Und einen schulmäßigen Schwung lernt man keineswegs in einem Swinger-Club, sondern beim Pro. Auch die Begriffe Annäherung, Lochspiel, Offset-Stellung oder Auslippen haben im Golfsport eine andere Bedeutung als man vermuten könnte.  Und wenn der männliche Part seine Dame ermuntert, sich doch besser zu legen, sollte sie sich keineswegs in freudiger Erwartung seitwärts im Semirough niederlassen. Eher noch gibt es Zusammenhänge zwischen Sex und Sechs. Etwa dann,  oder wenn sie ihm mit einem lasziv-ironischen Augenaufschlag zuraunt, man habe jetzt im Gegensatz zu den ehelichen Gewohnheiten in einer halben Stunde dreimal Sex gehabt. Oder meinte sie sechs? Aber lassen wir solche frivolen Abschweifungen
 
Wegen Gattenmordes abgeurteilt
 
Eigentlich müsste diese Art des gemischten Doppels kirchlicherseits längst verboten sein, trägt es doch dazu bei, dass von hundert geschiedenen Golferehen etwa die Hälfte ihre Ursache in den disharmonischen Begleitumständen eines solchen Wagnisses hatten. Mittlerweile haben sich namhafte Ehe-Psychologen auf Ursachenforschung begeben und eigens dafür sogar das Golfspiel erlernt. Einem Almanach der PGA – Psycho-Golf-Akademie – entnehmen wir indessen, dass weltweit bereits über hundert Psychologen über ihre diesbezüglichen Nachforschungen den Verstand verloren haben, andere wurden wegen Gattenmordes abgeurteilt (glücklicherweise mit mildernden Umständen, falls der Richter selbst golft). 
 
Nähern wir uns dem zerstörerischen Szenario eines Ehepaarvierers  aber nicht von der psychologischen, sondern im Folgenden von der praktischen Seite: 
 
Die Golferinnen und Golfer haben für die auftretenden ehelichen Zerwürfnisse auf den Fairways und Grüns („Och, wir hatten eine Super-Harmonie, gelle, Frieda!?“) zwar allerlei banale Interpretationen parat, aber schlüssige Erklärungen für die hochexplosive Atmosphäre zwischen einem ungelochten Halbmeterputt und einem ins Aus beförderten Quickhook fehlen. 
 
Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte von zwei einfachen Feststellungen: Golf ist eine überaus diffizile und gelegentlich unberechenbare Angelegenheit. Und: Manche Ehe hält vier Stunden sportlichen Stress nicht aus, zumindest nicht in dieser extremen Ausprägung. 
 
Das Problem beginnt am ersten Tee
 
Die Tücke des Golfobjektes fängt schon damit an, dass der Ehemann am Abschlag steht, an Martin Kaymer denkt und mit äußerster Konzentration und sieben Probeschwüngen, aber gehandicapt durch ein rheumatisch verändertes Hüftgelenk, den Versuch startet, seinen Drive etwa 250 Meter kerzengerade aufs Fairway zu hämmern. Dieses wagemutige Vorhaben eingedenk dessen, dass die Angetraute, die den nächsten Schlag auszuführen hat, für die restlichen 40 Meter zum Grün nach seiner Erfahrung ein Holz drei benötigt, weil sie mit ihrem Holz 5 zu kurz wäre. Die Voraussetzung für das angestrebte Paar, pardon: Par, ist aber schon dann nicht mehr gegeben, wenn der männliche Drive nur knapp das Damentee überrollt und die Ehefrau sich zu einem entsprechenden Kommentar hinreißen lässt: »Vielleicht hätte ich zuerst abschlagen sollen« – was aber gewisse Mutmaßungen über die Hackordnung in dieser Ehe bzw. Partnerschaft oder Notverlobung zugelassen hätte. Es versteht sich von selbst, dass der selbstgefällige Macho die Zumutung eines Amazonen-Abschlages nicht dulden kann. Die verbale Revanche folgt freilich auf dem Fuß, wenn der Mit-Kriegerin aus dem Rough (in das sie durch einen weiteren ungünstig abgelenkten Ball ihres Kriegers geraten ist) nur ein kurzer Hacker mit ihrem Driver gelingt oder sie den dritten Putt vier Meter zu kurz lässt. Bei solchen Kalamitäten pflegt sich die Miene des Menschen, der ihr einmal versprochen hat, sie zu lieben und zu ehren in guten wie in schlechten Lagen, schlagartig der Physiognomie eines Zitronensaft-Testers anzugleichen. Dem spitz gepressten Mund versagt sich naturellement jegliche enthusiastische Äußerung. Stattdessen glaubt man zu hören: »Holz im Rough, Holz im Kopf« – dies soll einer der Standardsprüche des wenig charmanten Mannes sein, wie wir sie allerdings in unserem Bad Nauheimer Club noch nie vernommen haben. Der Herr neigt dazu, für eigene Schwächen mit entwaffnender Selbstverständlichkeit anderen die Schuld zuzuweisen, etwa wenn er einen Zwanzig-Zentimeter-Putt am Loch vorbeipullt mit der Erklärung, dass der unkalkulierbare Break eine gewollte Gemeinheit des Lochbohrers gewesen sei.  
 
Das finale Fiasko am 19. Loch
 
So geht es dann weiter bis zum 18. Loch – wenn es überhaupt soweit geht –, ehe auf der Clubhausterrasse am 19. Loch das finale Fiasko in mancherlei tragödienhaften Szenen zelebriert wird. Da sieht man tränenüberströmte Damen, deren Sturzbäche dem Platzwart den Seufzer entlocken, sie hätte doch besser zur Bewässerung der trocken gefallenen Fairways beigetragen. Und man sieht Herren mit noch tieferen Mundwinkeln als manche Politiker nach Verkündung der ersten Hochrechnung. Der Pro nimmt derweil die ersten der Verdammnis anheim gefallenen Schlägersätze samt Bag und Trolley in Zahlung. Eine Frau setzt sich zu ihrer Freundin und verabredet sich frustriert zu einer Botox-Session, um ihre plötzlich aufgetretenen Sorgenfalten aufzuspritzen. Die Freundin, eher vergnügt wirkend, gibt indessen den Ratschlag, das Desaster nicht zu ernst zu nehmen. Sie selbst gibt zu, absichtlich schlecht gespielt zu haben, um sich für manche im Ehejoch zuletzt erduldete Zumutung ihres Gatten zu revanchieren, etwa dafür, dass er einen Herrengolf-Ausflug der Einladung zum 70. Geburtstag der Schwiegermutter vorgezogen hat.  
Im günstigsten Fall schweigen sich die Ehepaare auch nur an, was nicht weniger dramatisch ist. Wieder andere starten nach einer Runde von 120 Schlägen erste Versöhnungsversuche, was in Anbetracht unterschiedlicher Charaktere und Gemütszustände zuweilen von geringem Erfolg gekrönt ist. Auf seine Bemerkung »Du hast dich wenigstens bemüht, Mäuslein« kann da schon mal »Halt die Klappe, du Versager« folgen (Unter diesen Umständen kommt es nicht selten vor, dass an den nächsten Abenden nur tiefgefrorene vegetarische Pizza auf den Tisch kommen). In solchen Situationen entfernt sich auch die Clubhauskellnerin, die gerade den vierten doppelten Fernet Branca dem Ehemann kredenzt, am besten schweigend von der verbalen Walstatt. 
 
Höchste Tugenden gefordert
 
Die höchsten Tugenden der Golfer, Geduld und Demut, sind also eigentlich gefordert beim Ehepaar-Vierer – wobei es natürlich nur schlimme Gerüchte sind, dass eingeweihte Rechtsanwälte sich die Turnierpläne der Golf-Clubs kommen lassen und dann an den Tagen, an denen Ehepaar-Vierer gespielt werden, mobile Beratungsstände für scheidungswillige Golferinnen oder Golfer einrichten, und Assekuranzen, bei denen man sich gegen Scheidungen versichert hat, im Vorfeld solcher Turniere schon mal prophylaktisch Konkurs anmelden, weil die finanziellen Folgen überhöhter Ehepaar-Scores  unabsehbar sind.  
 
Kurzum: Routinierte Paare halten sich angesichts möglicher  zwischenmenschlicher Gewitter und Hagelschläge vernünftigerweise fern von solchen Turnieren. Welcher Golfer und welche Golferin ist aber vernünftig? Ähnlich dem selbstzerstörerischen Trieb von Lemmingen begeben sich die modernen Adams und Evas stets aufs Neue in die unkalkulierbaren Verlockungen eines paradiesischen Vierers, wohl wissend, dass sich das Handicap während der Runde womöglich dramatisch verschlechtern wird; weil nämlich der Ehepartner das eigentliche Handicap an solchen Tagen darstellt. Zum Glück wird der Ehepaar-Vierer aber nur einmal im Jahr gespielt, so dass immerhin 52 Wochen bleiben, sich für die nächste Herausforderung seelisch und moralisch wiederaufzurüsten… 
 
Schlussbemerkung: Das Angenehme – und damit kommen wir zum guten Ende – an dieser schonungslosen Analyse eines Ehepaar-Vierers ist die Tatsache, dass sie nicht stimmt und eine rein theoretische Betrachtungsweise ist, die mit der Wirklichkeit so viel zu tun hat wie ein tiefes Unterholz mit einem pfeilschnellen Grün. Das heißt, dass auch beim diesjährigen Partnerschafts-Vierer des Bad Nauheimer Golf-Clubs eine Atmosphäre ungezwungenen, freundlichen Miteinanders herrschte und sich charmante Herren und nachsichtige Damen gegenseitig zu sportlichen Höchstleistungen inspirieren konnten. Weitere ketzerische Mutmaßungen über mögliche Entwurzelungen von Lebensbäumen im Sturm der gemischten Vierer sind demnach gegenstandslos. Lediglich der Score leidet mitunter bei derartigen Prüfungen, aber das ist normal beim Golf, wenn raue Winde wehen…
 
Knut-Werner Cherubim 
 
Bildunterschrift:
 
»Ich habe dem Herrn Pfarrer versprochen, dass ich dich lieb behalten will, dich ernähren und dir bis zum Lebensende treu bleibe – aber nicht, dass ich mit dir Golf spiele! ... « 
 
 

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